• Laura

Blasensprung

Über diese bestimmte Art der Erwartungshaltung von Eltern gegenüber ihren Kindern und über den Wunsch der Kinder, trotz allem genug zu sein.


Vor kurzem war ich seit langer Zeit mal wieder zuhause. Zuhause, das ist ein kleines Dorf in Unterfranken. Nicht klein genug, um als Kaff bezeichnet zu werden, aber klein genug, dass die Ossie-Kassiererin immer noch meinen Namen kennt und die alten Frauen sich nach dem sonntäglichen Gottesdienst nach wie vor den neuesten Klatsch erzählen.


Unser Haus ist das allerletzte auf dem rechten Hügel dieses Dorfes, ein Einfamilienhaus wie im Bilderbuch. Dieses Zuhause-Haus ist voll gestopft ist mit Kindheitserinnerungen, die ich immer genau dort in dem dunklen Eck unter der Treppe zurücklasse, wenn ich nach einem Familienessen mit meinen liebevoll eingepackten Essensresten und ein bisschen angeschwipst wieder zur Tür hinausgehe. Ich bin nicht böse darum, denn genau genommen war es schon nicht mehr mein Zuhause ab dem Zeitpunkt, als ich 16 war und meine Mama gemeinsam mit meinem Bruder und mir ans andere Ende des Dorfes zog.


Aber ab und zu komme ich gern hierhin zurück, so wie heute, Freitagabend. Es fühlt an wie Zeltlager, für eine gewisse Zeit ist es spannend und anders und reißt einen kurz aus dem Alltag, aber letztlich kehrt man mit einem gewissen Seufzer auch wieder gern in Gewohntes zurück.



Ich sitze in diesem leicht verwilderten Garten mit verschränkten Beinen auf der Terrasse neben duftenden Tomatenpflanzen auf den warmen Pflastersteinen und Papa legt ein Steak nach dem anderen auf den Weber-Grill. Ich genieße das Schweigen, das oft gar nicht so komisch ist und stecke mir zufrieden mein halb angebranntes Tofuwürstchen in den Mund, da fragt er mich, was ich denn eigentlich gerade so mache. „Was ich so mache“, das ist ganz schön weit gefasst.


Es ist die Frage, die Menschen stellen, damit sie kein bestimmtes Thema anschneiden müssen und trotzdem unverfänglich Interesse bekunden.

Also erzählte ich Papa von diesem, meinem Leben, so wie es jetzt gerade ist. Vom Leben in der Großstadt, in einer WG, mit einem Teilzeitjob und einer Irgendwie-Selbstständigkeit.

Ich erzähle ein bisschen zu wenig von neu gewonnenem Enthusiasmus und Erfolgen, von der genau richtigen Menge an Zweifeln und möglicherweise zu viel vom Träumen.


Das ist der Moment, in dem er mich schließlich von der Seite ansieht und trocken sagt: „Ich glaube, du musst langsam mal aus deiner Blase rauskommen. Das, was du da erzählst, hat irgendwie nicht viel mit der Realität gemeinsam - wie willst du denn davon leben?“


Und in diesem Moment wird mir klar, dass es noch einen anderen Grund gibt, warum das hier nicht mehr mein Zuhause ist. Ich habe mich verändert, aber dieses Haus ist immer noch dasselbe. Ja, es war einmal ein Ort, an dem ich all das erfahren habe, was Kinder brauchen, um zu wachsen. Aber genauso, wie ich aus meiner Lieblingshose herausgewachsen war, war ich aus diesem Haus, den Menschen darin, herausgewachsen. Und außerdem gehe ich schon lange nicht mehr auf Zeltlager.


Ja, Papa. Du hast Recht, in lebe in einer Blase.

Ich bin in diese Blase hineingewachsen, die ich mir selbst ausgesucht habe.

Und genau deshalb ist es okay, enttäuscht zu sein, wenn du nicht das an meiner Blase sieht, was ich darin sehe: Meine Blase ist eine Seifenblase, so bunt und facettenreich wie ausgelaufenes Motoröl, dass sich schillernd in Regenpfützen verteilt.


Und weil ich doch ein bisschen Angst habe, meine Seifenblase könnte durch deine stechende Frage ein wenig zu früh platzen, halte ich dein Unverständnis aus und zwinge mich, die Rechtfertigungen zusammen mit meiner Enttäuschung und einem weiteren Stückchen meiner Tofuwurst herunterzuschlucken.


Es ist auch okay, dass ich seitdem oft nachts wach liege und darüber nachdenke, was du gesagt hast.


Ich lebe in einer Blase.


Nach all den Nächten, in denen sich meine Seifenblase in einem Meer an salzigen Tränen unterging, habe ich entschieden, weiter darin zu leben. Ich bin Sandy Cheeks und heute habe ich auf meine persönliche Blase stolz eine leuchtend pinke Blume geklebt und ich fühle mich verdammt sexy damit. Meine Blase, meine Blume und ich, wir sind ein eingespieltes Team und eine Schleife würde da ohnehin nicht dazupassen.



Denn die Wahrheit ist:

Wir leben alle in unserer ganz eigenen, persönlichen Blase. Und das ist gut so.


Das nächste Mal, wenn du Tofuwürstchen für mich grillst, werde ich dich fragen, wie es dir so geht in deiner Blase. Ob du die Menschen darin magst, das Gefühl, dass sie dir geben und ob die Farbe deiner Blase wirklich deine Lieblingsfarbe ist.


Und ich werde dir nicht von meinem Leben erzählen, sondern von meiner Blase, die eigentlich ein Seifenblasenmeer ist an Umgebungen, Gesprächen, nie gestillter Neugier, Risiken und Fortschritten. Und ja, auch ein paar Tränen.

Meine Blase besteht aus Menschen, die die Welt einfach immer mit anderen Augen sehen werden als die Menschen in deiner Blase.


Meine Menschen tragen Blumen auf ihren Blasen und Deine tragen Schleifen.

Wie hübsch sie anzusehen sind, ist meiner Meinung nach reine Geschmacksache.


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