• Laura

Nebelgedanken in Zeiten der Krise



Noch ist da Nebel, wabernd, dicht und unheimlich.


Papa, ich hab meine Taschenlampe zuhause vergessen.

Ich weiß, du hast es mir so oft gesagt.


Jetzt bleibt mir nur eines; Augen zu, die Arme ausstrecken. Ein Schritt nach dem anderen, bloß nicht zurück. Insgeheim hoffe ich, nichts zu berühren mit meinen tastenden Händen. Denn das würde bedeuten, da sind noch mehr Verirrte, Suchende. Ich hoffe, du findest deinen Weg.


Schließ deine Augen, vertrau auf dich, komm gut nachhause.


Vom Nebel in meine Wohnung, die mir im Moment immer mehr wie ein Gefängnis vorkommt. Mir war nicht bewusst, wie sehr ich Zeit alleine wirklich, unabänderlich brauche. Und jetzt ist da jemand, der nur das Beste für mich will, der aufmerksam ist und zuvorkommend und vor allem — immer da. Ich fühle mich wie ein Kind, das sich mit aller Kraft gegen die lieb gemeinte Umarmung der Großeltern wehrt. Je mehr erzwungen wird, desto stärker ist der Wunsch nach Rückzug. Ich wünschte, es wäre anders.

Und dabei hat diese Zeit der Parallelrealität ja gerade erst begonnen, und ich habe das Gefühl, die Welt ist schon noch wenigen Tagen eine Andere.

Ich weiß nicht, was kommt, niemand tut das.


Was ist morgen, nächste Woche, danach? Und wann ist „Danach“? Wird alles wieder normal, und sollte es das überhaupt? Werden wir anders denken, besser handeln? Werden wir Dinge mehr zu schätzen wissen oder verschwenderisch in der besseren Zeit schwelgen?

In meinem Kopf steht ein Gedankenkarusell, und die feinsäuberlich geschnitzten Holzpferde glänzen nach der jahrelangen Nutzung. Ich denke an all diese Kinder, die von den Eltern darauf gehoben werden und sich mit ihren kleinen Händen an den glatten Pferdehälsen festkrallen. Tausendmal im Kreis, die Gedanken winken mir zu.

Ich bin Lucy aus 50 erste Dates und winke jedes Mal zurück.

Lächle.

Halt, das ist nicht mein Kind, nicht mein Gedanke.


Oder doch?


Telefonate nicht zu mögen ist auf einmal eine hinfällige Entschuldigung geworden. Lange, tiefgehende und flüchtige, vorbeifliegende Gespräche mit Lieblingsmenschen sind längst fester Bestandteil meines ansonsten stillen Alltags geworden. Ich will mich nicht mit dunklen, zukunftsfressenden Gedanken beschäftigen, ich bleibe bei Ofengemüse und wertvollem Austausch. Ich füttere mein Herz mit all dem, was mich reicher macht. Heile langsam, aber stetig, während die Welt um mich herum zu zerbrechen scheint. Genieße die Sonnenstrahlen auf meiner Lieblingsparkbank an der Ecke anders, frage mich, ob sie sich verändert haben, unbemerkt und doch mit weitreichendem Ausmaß. Beobachte den Blumenladen schräg gegenüber, den Menschen nur mit Mundschutz betreten.


Ist das tatsächlich dieser eigenartige Zustand, der sich Realität nennt?


Und wenn ja, weiß ich Eines mit Sicherheit: Morgen schon ist diese Realität ein Stückchen mehr Alltag. Morgen schon bin ich ein bisschen ruhiger, vielleicht kann ich morgen im Nebel schemenhafte Umrisse erkennen. Und irgendwann wird sich der Nebel auflösen und den Blick auf etwas freigeben, das ich jetzt noch nicht definieren kann und auch nicht muss. Es reicht, darauf zu vertrauen, dass Veränderung ungeahnte Chancen bereithält.

Für dich und mich, für all diejenigen, die ihr Lächeln nicht verlieren.



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